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Nachruf zum Tode Jochem Erlemanns

Sein Name und sein Wirken sind untrennbar mit der Geschichte des Kölner EC verbunden, er formte den KEC zu einem Spitzenclub und stieß als Visionär Prozesse an, die den gesamten Eishockeysport in Deutschland auf eine neue, professionellere Ebene hoben: Am vergangenen Freitag verstarb um 23:55 Uhr Dr. Jochem Erlemann, Präsident des KEC der Jahre 1976 bis 1979.

Von der Finanzwelt als durchgestartetes Talent gefeiert, betrat Erlemann im Sommer 1976 als Laie des Sports für ihn unbekanntes Terrain. Er störte sich nicht an großen Namen und noch größeren Problemen, brachte sich vielfältig ein und sorgte so rasch für regelrechte Erdbeben, die verkrustete Strukturen und festgefahrene Konventionen förmlich hinwegfegten. Er machte es sich zur Aufgabe, die seit 1972 durch Abspaltung vom Kölner EK entstandenen, sportlich jedoch mehr schlecht als recht im unteren Mittelfeld der Tabelle verweilenden “Haie zu einem Vorzeigeclub zu machen.

Eine “bundesweite Eishockey-Entwicklung, die sich im Aufbruch befindet, vom Amateurstatus zum Profitum” sah Erlemann zu Beginn seiner Präsidentschaft. Eine Bruchstelle, an welcher er ansetzte und sich für den KEC als der richtige Mann zur richtigen Zeit erwies.

Sportlicher Erfolg, das anziehende Image des Erfolgreichen und somit auch wirtschaftlicher Erfolg: Für Erlemann war dies eine Gleichung. Über den spektakulären Transfer des Superstars Erich Kühnhackls suchte er dies zu erreichen – und es gelang. Im Windschatten des für 600.000 DM Ablösesumme nach Köln transferierten Kühnhackl errungen die “Haie” bereits im ersten Jahr der Präsidentschaft Erlemanns ihre erste deutsche Meisterschaft (1977) und sorgten auf allen Ebenen für Schlagzeilen. Spektakuläres, erfolgreiches Eishockey, öffentlichkeitswirksamer Protz, Geschichten und Skandälchen lockten nunmehr deutlich mehr Zuschauer, wie auch zahlreiche Prominente auf die Zuschauerränge und etablierten den Eishockeysport in Köln in einer neuen Dimension. Der Kölner EC war “in” und Erlemanns Plan aufgegangen.

Die Entlassung und spätere Wiedereinstellung von Meistertrainer Gerhard Kießling, ein Jahr des sportlichen Mißerfolgs, Spektakuläre Spielerverpflichtungen und letztlich eine weitere souverän errungene deutsche Meisterschaft (1979) mit dem KEC: Auch die beiden weiteren Jahre im Amt des Präsidenten Erlemann waren spektakulär und intensiv.

Doch tut man Erlemann Unrecht, wenn man sein Schaffen in Köln auf das öffentliche Bild in den Medien reduziert. Als Mann der Wirtschaft wusste er zu unterscheiden zwischen Investition und durch sein eigenes Geld finanzierten Prunk. Und genau hier lag die langfristige Bedeutung Erlemanns für den KEC: Er übernahm einen Verein, der sportlich und finanziell in fühlbarer Weite des Abgrunds stand – und hinterließ einen schuldenfreien Club mit deutlich angewachsener Fanbasis, identitätsstifendem sportlichem Erfolg und einem Image.

Den Transfer des Superstars Kühnhackl sah Erlemann stets als gelungene Investition und betonte, dass der “Kühnhackl-Effekt” dem KEC finanziell etwa beim Eintrittskartenverkauf eine Einnahmensteigerung von über einer Million DM bescherte, sportlich und im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit jedoch einen noch viel höher zu beziffernden Ertrag einbrachte. Damit dem Verein jedoch zukünftig ein ähnlicher finanzieller Luftsprüng erspart bliebe, etablierte Erlemann ein regelrechtes Farmteam: Die “Blue Lions München”. Hier sollten junge Talente zu gestandenen Spielern reifen können und dann in den Kader der “Haie” transferiert werden.

Neben den gesteigerten Zuschauereinnahmen und dem eigenen in den Verein gesteckten Privatvermögen sorgte Erlemann für ein weiteres Standbein: Während andere Teams den Puck mit blanker Brust jagten, erschloss Erlemann durch den ersten KEC-Trikotsponsor, “Zunft-Kölsch”, eine weitere Einnahmequelle. Auch ein urplötzlich in den Finanzpapieren des Vereins entdeckter Schuldenberg aus vergangenen Jahren warf Erlemann nur kurzzeitig aus der Bahn.

Weg vom Amateursport, der in seiner eigenen Vereinstümelei gefangen zu Reformen unfähig sei, hin zu einer “gut gemanagten Profiliga” – und in “die Köln die Errichtung einer profitablen Eissportarena für 15.000 Zuschauer.” So grotesk Erlemanns Visionen in den 70er Jahren geklungen haben mögen, so nah sind sie an der heutigen Realität.

Der Wirtschaft entstammend betonte Erlemann die Bedeutung der Rechtsform der GmbHs neben dem reinen Verein und mühte sich als einer der Ersten im deutschen Sport an der Umsetzung der einhergehenden – auch personellen – professionellen Strukturen in den Bereichen Geschäftsführung und PR, welche heute als selbstverständlich angesehen werden.

Abrupt war Erlemanns Erscheinen in der Welt des Eishockey, ebenso abrupt verließ er diese Bühne. Die positiven Emotionen, den Spaß am Sport empfand er als unvereinbar mit privaten Problemen und der lebensbedrohlichen Krankheit seines Sohnes Andreas. Die Zeit und Energie, die der Präsident des KEC in seinen Verein investierte, benötigte nun die Familie. Jochem Erlemann war ein Mann der Tat, ein Mann mit Prinzipien und Prioritäten. Seine Entscheidung für die Familie war zu akzeptieren.

Betrachtet man die Zeit der Präsidentschaft Erlemanns vom heutigen Standpunkt aus, so blickt man auf eine Zeit des enormen Umbruchs. Ein Macher, der als Finanzprofi mit den verbliebenen Strukturen eines Sports zwischen Amateur- und Profisport wenig anzufangen wusste, sie überwand und einmal vom Eishockeyvirus befallen unter vollem Einsatz eigener Mittel etwas erschaffen wollte. Spätere Präsidenten des Kölner EC stellten sich gerne in eine Reihe mit Erlemann und erinnerten an ihn. Auch bedeuteten die Jahre 1976-1979 einen Grundstein für eine sportliche Entwicklung der Haie, die kontinuierlich am oberen Ende der Tabelle endete.

Von der Bildfläche des Eishockeys verschwunden, scheint sich Erlemann vom Sport nicht entgültig zurückgezogen zu haben. Mit Stolz erfüllt das Team von Haimspiel.de, dass Erlemann uns noch vor wenigen Wochen sein Lob für die ehrenamtliche Tätigkeit zum Wohle der Fangemeinde der Haie übermitteln ließ.

Die Geschichte des Kölner Eishockey ist eng verbunden mit den Namen zahlreicher Vordenker und “Macher”, die sich zum Wohle des KEC und des Eishockeysports in Köln mit großem persönlichen Einsatz engagiert haben. In dieser Reihe nimmt Jochem Erlemann eine hervorgehobene Position ein.

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Info:
Nachruf zum Tode Jochem Erlemanns ist Beitrag Nr. 1162
Author:
Haieblog.de am Juni 16, 2009 um 7:39 pm
Kategorie:
Artikel
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1 Kommentar »

  1. frank steffan

    Danke für diesen gefühlvollen Nachruf. Angesichts der bisherigen Medienberichte, ist dieser Nachruf eine echte Wohltat. Wer auch immer ihn geschrieben hat, der Autor scheint die Phase 1976-1979 bewusst miterlebt zu haben und kann das Geschehen so einordnen, wie es einzuordnen ist.
    Seine Familie, die KEC-Gemeinde und auch die Stadt Köln hat einen großen Mann verloren. Wir sollten sein Andenken in Ehren halten.
    Alles Gute
    Frank Steffan

    #1 Kommentar vom 21. Juni 2009 um 1:44 pm

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